DAS UNBEHAGEN, WENN’S LUSTIG WIRD

Foto: Hannah Franke

von Anne Martin

Während ich diesen Text verfasse, bringt eine Freundin ihren toten Sohn zur Welt. Ein fertiges Kind zu Anfang des sechsten Schwangerschaftsmonats. Im vergangenen Jahr besiegte ihr Mann den Hodenkrebs und es grenzte an ein Wunder, dass sie da plötzlich und ohne eigentlich geplantes Zutun ein Kind unterm Herzen trug. Umso größer war die Freude, doch umso härter der Schlag ins Gesicht und in die Seele, als das Kind beim großen Ultraschall, zu dem der werdende Vater erstmals sein von ihm gemachtes Leben sehen sollte, tot war. 

Sie werden es schaffen, einen Ort zum Trauern finden; der Mensch kann viel bewältigen im Umgang mit dem Tod.

Das behaupte ich nicht leichtfertig – die persönliche wie berufliche Erfahrung mit dem Trauern, mit Trauernden eröffnet mir seit meiner Jugend in der Gothic-Szene eine so breit gefächerte Palette von Schwarz und es ist immer wieder überwältigend, wie unterschiedlich Hinterbliebene mit ihrem Verlust arbeiten.

Gestorben wird immer, so natürlich auch in meiner Familie und dem jeweiligen Umfeld, das meine Lebensphasen begleitete. Tabus im Umgang mit dem Sterben gab es bei uns nie. Aber durchaus bei anderen. Das musste ich vor allem in meinem Job als Rednerin und Sängerin lernen, wenn ich angefragt werde, eine Trauerfeier mit einer Ansprache oder passender Musik zu begleiten. Denn viel zu oft ist mit dem Verlust eines Menschen oder auch eines Tieres auch im Moment des Abschiedes nur das moralisch präsent, was die westliche Gesellschaft einem als pietätvoll vermittelt: Während der Zeremonie also bloß niemanden zum Lachen bringen, witzige Anekdoten zum Verstorbenen sollten von nun an möglichst auch in der Mottenkiste verschwinden und bitte: Das ganze Prozedere so schnell wie möglich hinter sich bringen!

Warum lässt du uns allein? Warum hast du uns nichts vermacht? Warum zur Hölle ist deine Beerdigung so teuer?

Sterben und gestorben sein sind für die meisten der Zurückgelassenen mit einem übergroßen unangenehmen Gefühl verbunden und für den Toten viel zu oft mit einem Appell ans schlechte Gewissen post mortem, was auch immer die Todesursache war. Warum bist du gegangen? Warum lässt du uns allein? Warum hast du uns nichts vermacht? Warum zur Hölle ist deine Beerdigung so teuer?

Doch sind es gerade die Momente des Abschiednehmens, so schmerzhaft sie auch sein mögen, die uns Gelegenheit geben sollten, sie auch für die spätere Erinnerung nicht mit diesem teerklebrigen Belag von künftigem finanziellen Ruin, weil die Sterbeversicherung, so vorhanden, nicht mal den Sarginnenbezug abdeckt (nötig, denn brennt gut) und Scham darüber, dass es auch im Tod Grund zur Freude und zum Lachen gibt, zu konnotieren. Tod und Trauer sind unweigerlich negativ behaftete Attribute, keine Frage. Aber warum bereitet es den Menschen der westlichen Gesellschaft nach wie vor Unbehagen, sie als gleichwertig mit den sogenannten schönen Dingen des Lebens zu sehen und ihnen zu erlauben, ebenda auch mit Positivem verbunden zu werden?

Während meiner Zeit in Varanasi, der heiligsten Stadt der Hindus in Indien, habe ich mehrmals erleben dürfen, wie alte Männer und Frauen ganz in Weiß und begleitet von der ganzen Familie zum Sterben an den Ganges kamen und die Zeit bis zu ihrem Ende gemeinsam mit Gesprächen und Lachen verbracht wurde. Im Anschluss vollzog die Familie die Bestattungsvorbereitung und Zeremonie für die Reinkarnation. Tod und Abschied sind hier ein Familienereignis, eines, das Erinnerungen für die nächsten Generationen schafft und nicht absolviert wird, damit man es schnellstmöglich wieder vergisst. Und natürlich wird auch hier viel geweint. Das soll auch so sein. Jede Emotion benötigt ein körperliches Ventil, ob in Freude oder Trauer.

Gerade mein offener Umgang mit dem Sterben und mithin auch der meiner Familie brachte mich im Beruf häufig in eine Zwickmühle, weshalb ich mich irgendwann ganz bewusst dazu entschied, nur noch Hinterbliebene zu begleiten, mit denen ich entweder befreundet bin – die also wissen, worauf sie sich da mit meiner Sicht auf den Tod einlassen – oder die sich wiederum ganz entschieden gegen die ungeschriebene Konvention wenden und dem Verstorbenen wie sich selbst einen ähnlich unvergesslichen Tag bescheren wollen wie zur Hochzeit oder der Geburt der eigenen Kinder. Ein Happy End im klassischen Sinn hat eine Trauerfeier höchst selten zu bieten. Doch geht glücklicherweise (noch viel zu) langsam ein Ruck durch die althergebrachte Traueretikette. Hinterbliebene möchten mittlerweile gezielt eine freie Trauerfeier, die den Protagonisten auf jede erdenkliche Art und ganz individuell ein letztes Mal hochleben lässt. Doch bis dieses Zelebrieren mit der Erlaubnis des gleichwertigen Nebeneinanders von Freud und Leid keine Ausnahme, sondern Normalität wird, liegt noch ein sehr langer Weg, verbunden mit viel Aufklärungsarbeit vor der Branche.

Um das Eis zu brechen, das Trauernden im Hin und Her zwischen Bürokratie und passenden Blumengestecken oft als Schutzpanzer dient, um die Zeit von Tod bis Beisetzung nur irgend zu überstehen, erzähle ich zu Beginn der gemeinsamen Vorbereitung eigentlich immer davon, wie wir als Familie vor einigen Jahren meine geliebte Großmutter, das Oberhaupt, die Matriarchin, die rasanten drei Wochen von Metastasenexplosion nach krebsfreien Jahren bis zu ihrem Weg auf die andere Seite begleiteten. 

Spoileralarm: Natürlich haben wir sehr viel geweint, wochenlang und auch heute noch. Doch was für uns alle bis in die Gegenwart blieb, sind die Momente, in denen wir, selbstverständlich auch geprägt durch die eben weitverbreitete Traueretikette, einfach nur herzhaft lachen mussten. Schnell warfen wir den Pietätsballast ab, der gesellschaftsgeprägt allen Involvierten vorschreibt, was sie zu tun haben, um sich vermeintlich angemessen trauernd zu fühlen. Und noch schneller war dann die Frage nach dem „Dürfen wir das?“ von der Palliativstation gefegt.

Als auch ihr klar war, dass die immer starke Mutter, Omi, Ehefrau und Herzensfreundin das Krankenhaus nicht mehr lebend verlassen würde, begannen wir, auf alles zu scheißen, was ungeschrieben zwar, aber mit immer mahnendem Blick über der ohnehin schon unrealistischen Situation waberte.

Als auch ihr klar war, dass die immer starke Mutter, Omi, Ehefrau und Herzensfreundin das Krankenhaus nicht mehr lebend verlassen würde, begannen wir, auf alles zu scheißen, was ungeschrieben zwar, aber mit immer mahnendem Blick über der ohnehin schon unrealistischen Situation waberte. Meine Großmutter (ich bin fest davon überzeugt, sie wurde als meine Tochter wiedergeboren, der Rest der Familie sieht sie in jedem Eichhörnchen) wurde binnen weniger Tage wieder zu einem kleinen Kind – ihre blauen Augen sprachen Bände von einer ganz anderen Welt, in die sie mehr und mehr abdriftete. Dennoch vermochte sie es, uns allen noch wichtige Dinge mit auf den Weg zu geben, die sie neben den Erinnerungen im Leben auch im Tod unsterblich werden ließen.

Auf keinen Fall, und da war sie sehr genau, wollte sie nach ihrem letzten Atemzug mit offenem Mund auf den Bestatter warten. Zwar hatte sie mit ihren 80 Jahren noch ihre echten Zähne, die ihr allerdings beim Einsetzen des Tubus‘ während einer vorangegangenen OP teils abgebrochen wurden. Zudem fand sie es demütigend, da zu liegen wie einer, der auf einer langen Zugfahrt mit runtergeklappter Kinnlade seinem Sitznachbarn auf die Schulter fällt. Was also tun?

Vor Einsetzen der Totenstarre (Gibt es eigentlich ein mehr euphemistisches Wort dafür?), die die ganze Familie miterlebte, da wir nach einer Woche Chorgesang und Leserunden in Schichten an ihrem Bett alle zusammen Abschied nehmen wollten, ließ der Körper locker und nun lag sie da – mit offenem Mund. Und ja, es sah schon ein bisschen bescheuert aus. Also nahmen wir, was da war und wickelten meiner toten Großmutter ein dickes, rotes Geschenkband vom Kinn aufwärts um den Kopf und schlossen ab mit einer großen Schleife auf ihrem ebenfalls roten Lockenschopf. Es war ja schließlich der Tag vor Heiligabend. 

Hm. Ganz ehrlich und als Geschenk an Euch aus meinem sich stets erweiternden Erfahrungspool: Macht das nicht. Nicht, weil es wichtig wäre, was wohl die Leute dazu sagen, sondern weil es einfach nur dämlich aussieht.

Zugegeben, diese Geschichte ist vielleicht ein bisschen extrem, um als Rednerin mit der Trauerarbeit anderer Leute zu beginnen. Aber sie verdeutlicht, dass doch viel mehr erlaubt ist im persönlichen Verarbeiten von Extremsituationen wie dem Verlust des wohl wichtigsten Menschen. Denn abgesehen von den Befindlichkeiten einer Sterbenden über ihr Aussehen nach dem Ableben, auf die man als Angehörige schon eingehen sollte, lockert ebendiese ganz persönliche Geschichte meinem Gegenüber jedes Mal diesen festen Knoten auf der Brust, der so oft verantwortlich ist dafür, dass die wirklich wichtigen Erinnerungen sich erst gar nicht Bahn brechen können, sondern nach und nach im Dunkel verschwinden.

Dass das nicht passiert, macht es für mich als eigentlich unbeteiligte Dienstleisterin so wichtig, mit Tabus zu brechen, aus meinem Leben mit dem Tod zu berichten und den Trauernden ein Stück weit das Öffnen ihrer Seelen für Dinge, über die man in solchen Momenten eigentlich nicht spricht, zu legitimieren. So reagieren die Hinterbliebenen häufig fast erleichtert, wenn ich ihnen schildere, dass meine Familie meine Großmutter nicht nur eigenständig hübsch anziehen und zurechtmachen wollte, was für gewöhnlich Aufgabe des Pflegepersonals im Krankenhaus oder des Bestatters ist (Warum eigentlich?), sondern jeder Einzelne von uns über etliche Stunden die letzten Flecken Körperwärme an ihr suchte und vor dem Abtransport ins Bestattungsinstitut ein Erinnerungsfoto mit ihr machte.

Ohne Frage ist Trauerarbeit abhängig von Umständen, die wahrlich nicht zu pauschalisieren sind, und es liegt mir fern, den vor mir sitzenden Trauernden in solchen Momenten unsere Art des Abschiednehmens aufzudrücken.

Ohne Frage ist Trauerarbeit abhängig von Umständen, die wahrlich nicht zu pauschalisieren sind, und es liegt mir fern, den vor mir sitzenden Trauernden in solchen Momenten unsere Art des Abschiednehmens aufzudrücken. Doch sind es diese kurzen Abrisse und die Reaktionen darauf, die mir immer wieder zeigen, dass viele sich einfach nicht trauen, weil es niemals eine endgültige Klärung des Pietätsbegriffs geben wird und sich deshalb an das gehalten wird, was die meisten machen, die sich aber wiederum wünschten, die Lieben so auf die Reise zu schicken, wie es das Herz vorgibt und kein bürokratischer Apparat. Wenn die Sichtweise auf den Tod und das zeremonielle Abschiednehmen nicht irgendwann radikal aufgebrochen wird, halte ich es für mehr als wahrscheinlich, dass eine Bestattung mit allem Drum und Dran immer eine unbefriedigende Sache bleiben wird. Obwohl da jemand künftig in Frieden ruhen und die Trauergesellschaft nach diesem Ende möglichst neu anfangen soll.

Wünsche zur Durchführung der Beisetzung, zur Grabrede etc. offen und ohne jede Furcht vor Missachtung zu formulieren und es nicht beim Konjunktiv zu belassen, ist ein elementarer Teil der Trauerbewältigung – für die Verstorbenen und die Hinterbliebenen gleichermaßen; und dabei sollte es keine Tabus im eigenen Spektrum geben. 

Wenn das bedeutet, geliebte Schmuckstücke vor dem Tod dem Urenkel anzudenken mitsamt der Erlaubnis, sie zu versetzen, wenn es nötig ist, und ihm diese künftige Gewissensentscheidung abzunehmen; wenn es bedeutet, der geliebten toten Mutter für jedes ihrer Kinder eine Haarsträhne abzuschneiden und zu konservieren; wenn es bedeutet, als Ziehkind die Rede auf den Verstorbenen selbst zu schreiben und zu halten – trotz der Gefahr, kein Wort hervorbringen zu können; und wenn es eben auch bedeutet, „Möge die Macht mit dir sein“ auf die Schleife am Kranz zu schreiben, weil die Tote ein Star-Wars-Fan war, dann braucht es dafür keine Rechtfertigung, sondern Bestärkung und Respekt.

Im soundsovielten Lockdown der Corona-Pandemie starb die Mutter einer anderen Freundin auf einer Leipziger Intensivstation mit nicht einmal 60 Jahren ganz allein in der Isolation. Den Abschied hatte sich freilich niemand aus der Familie so ausgemalt, als sie kurz nach Neujahr der Krankenwagen holte und sich Kinder und Mann von ihr verabschiedeten mit dem bisschen Hoffnung, sie spätestens zu ihrem Geburtstag Mitte Februar wiederzusehen. Sie sahen sie per Videotelefonat. Doch war sie kaum mehr ansprechbar und hatte bereits die das Ende  verheißende Sauerstoffhaube über dem Gesicht. Wenige Tage darauf hörte sie auf, zu atmen. Das sind Bilder, die bleiben ewig. Doch bestanden diejenigen, die sie zurückließ darauf, diese zu überhängen mit Leinwänden voller Leben. Das war der Moment, in dem meine Freundin mich anrief und während mehrerer getränkehaltiger Abende rekonstruierten wir in Korrespondenz mit Vater und Bruder, die wir auch noch nachts um eins für Details zu Rate zogen, ein buntes Konvolut einer starken Frau, die, sooft sie in diversen Phasen auch ins Klo gegriffen hatte, immer mit einem frechen Spruch auf den Lippen den Talfahrten konterte. Für eine Rednerin sind derlei Zitate, die längst Einzug in das Familienvokabular gehalten haben, natürlich eine Goldgrube. Also ließ ich die Verstorbene während ihrer eigenen Grabrede etliche Male in ihrem Sprech zu Wort kommen. 

In diesem Moment gab es keine bessere Ablenkung für ein Kind, das nun Halbwaise war.

So viel die Angehörigen während der Trauerfeier auch weinten, so viel gab es zu lachen, war der große Rest ihres Lebens vor dem einsamen Tod doch so vielseitig an Empfindungen. Und noch nie, sagte uns im Anschluss der junge Bestatter fast schon erleichtert, dass er an einem Samstag mal nicht so viele Emotionen abfedern musste, habe er so wenig zu tun gehabt wie zu dieser Bestattung. Denn genau genommen war er nur der Fahrer der Urne. Geredet habe ja ich und die Tochter samt bester Freundin als Floristinnen statteten die ganze Trauerhalle mit Gestecken und Kränzen aller Angehörigen aus, ließen sich dafür Geld zustecken, was der Mutter schon wieder gefallen hätte. In diesem Moment gab es keine bessere Ablenkung für ein Kind, das nun Halbwaise war. Dieser Umstand half ihr sehr bei der Bewältigung dieses schweren Tages. 

Erst als sie dem Bestatter die Urne aus den Händen nahm, ihn mehr als verdutzt zurückließ, weil man das ja so eigentlich nicht macht, aber kann, und ihre Mama zwischen all die Blumen, die sie liebte auf ihren Platz in der Halle stellte, brachen alle Dämme. Zugegeben, ein häufiger frequentiertes Ventil während einer Bestattung als der herzhafte Lacher, doch auch der bekam an diesem Tag immer mal wieder seine Bühne. Und das war gut so.

Einer meiner Kollegen begleitete kürzlich einem innigen Porsche-Fan auf seine letzte Reise. Unnütz zu erwähnen, wie die Urne transportiert wurde und dass sein ganzer Fuhrpark Spalier stand.

Meine Freundin mit der stillen Geburt wird sich gegen einen Erinnerungsort auf dem Friedhof entscheiden. Die Eltern werden ihren Sohn zwar dort beisetzen lassen (müssen), weil es gerade noch viel zu wenig finanziell und bürokratisch zu realisierende Alternativen gibt, was sich in absehbarer Zeit hoffentlich ändert. Zum Trauern und Erinnern allerdings haben sie sich einen malerischen Fleck im Thüringer Wald auserkoren, fern vom Schmerz so vieler anderer, die auf zugeteilten durchnummerierten Feldern jeden Sonntag die Alpenveilchen zupfen oder das Efeu zurückschneiden. Auf der Mischwaldlichtung mit Blick aufs sonnendurchflutete Tal gibt es nichts, was den beiden egaler sein könnte.

Übrigens: Seit meine Großmutter verstorben ist, begrüße ich meine Mama zu jedem Wiedersehen mit den letzten Worten ihrer Mutter an sie. „Na, hast du auch wieder schön geklaut?“

Dieser Beitrag wurde erstveröffentlicht im Buch „#nichtgesellschaftsfähig – Tod, Verlust, Trauer und das Leben”.

Foto: Anne Martin